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Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?

Blog

In seinem Gastbeitrag im Handelsblatt fordert Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, einen „TÜV für Algorithmen“. Ich sage: Der Wunsch nach immer mehr Reglementierung geht in die falsche Richtung! Was es stattdessen braucht, damit die Digitale Transformation in Deutschland vorankommt.

Ein TÜV für alles – Der Wunsch nach mehr Regulierung und mehr Kontrolle, den Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung in der letzten Woche in seinem Gastkommentar im Handelsblatt ausdrückt, ist ein typisches Denkmuster in Deutschland. ich frage mich jedoch: Wie sinnvoll ist diese Debatte im Zusammenhang mit der digitalen Gesellschaft wirklich? Müsste diese in Deutschland nicht erst einmal weiterentwickelt werden, bevor wir daran denken, sie zu regulieren? Vorrangig muss es um Innovationswille, Innovationskraft und Innovationsmut gehen.

Es mangelt uns hierzulande an vielem: Angefangen beim passenden Mindset, bis hin zu den richtigen Prozessen und Strukturen, um Innovation ernsthaft und nachhaltig voranzutreiben. In Deutschland – besonders im politischen Kontext – begnügen wir uns meist damit, unseren Wohlstand zu verwalten. Schließlich geht uns ja gut und ein Ende dieses Zustands ist nicht in Sicht. Aber: Wirklich innovativ ist das nicht.

Ingenieurgetriebene Denke ist Fluch und Segen für Deutschland

Bereits der von Dräger verwendete TÜV-Begriff geht in diesem Kontext in die falsche Richtung. Er zeigt genau, wie hier in Deutschland vorrangig gedacht wird: Ingenieurgetrieben! Das ist nicht verwunderlich, weil wir in Deutschland traditionell über sehr gute Ingenieure verfügen, die weltweit anerkannt und geschätzt werden. Doch diese Denkweise ist gleichermaßen Fluch und Segen.

Scheitern als Chance begreifen

Wie Dräger zu Recht feststellt, bestimmen vor allem US-amerikanische Unternehmen wie Google oder Facebook die Spielregeln des digitalen Lebens. Ganz einfach, weil im Silicon Valley das notwendige Mindset vorhanden ist und gelebt wird. Das bedeutet vor allem: Scheitern ist erlaubt und ist keine Schande. Im Gegenteil wird Scheitern eher als Chance gesehen. Ganz anders als der deutsche Ingenieur, der die Maxime „wenn, dann nur richtig“ vertritt. Zweifellos hat uns das in der bisherigen Wirtschaft weit gebracht und uns viele positive Dinge gebracht: Das Made in Germany, den Außenhandelsweltmeister, das hervorragende Image und die Qualität unserer Produkte – eben jenen Wohlstand, der uns hilft, uns eben aber auch behindert.

Unbestritten sind die großen Erfolge, die innovativen Ideen – auch im Kontext der Digitalisierung, die uns die Privatwirtschaft heute bereits zeigt. Hier gibt es revolutionäre Ideen, Initiativen und reale Projekte, die aus diesem deutschen Erfindergeist der „Dichter und Denker“ entstanden und Realität geworden sind.

Der Ruf nach Kontrolle bestimmt das Denken

Bei der Digitalisierung ist Deutschland aber alles andere als spitzenmäßig: im europäischen Digital-Index kommen wir gerade einmal auf Platz 11 hinter Ländern wie Estland, Belgien oder Schweden. In Anbetracht solcher Ergebnisse ist die Frage berechtigt, wie lange „Industrie 4.0“ noch eine Domäne der Deutschen bleibt. Schließlich verändert sich die Wirtschaft rasant – angetrieben von den Googles, Amazons, Facebooks dieser Welt. Ein aktuelles Beispiel sind die Bundesliga-Übertragungsrechte, wo besagte Unternehmen bereits daran arbeiten, über entsprechende Streamingdienste das bislang von deutschen TV-Sendern dominierte Geschäft ziemlich auf den Kopf zu stellen.

Die Chancen für die deutsche Wirtschaft stehen freilich nicht ganz schlecht und es bleibt zu hoffen, dass sie weiterhin eine sehr wichtige, hoffentlich führende und innovative Rolle spielen wird. Bei der politisch-gesellschaftlichen Debatte und der vorhandenen Innovationskraft ist jedoch deutlich mehr Skepsis angesagt. Der häufig immer wieder schnell vorgebrachte Ruf nach „Kontrolle“ und „Reglementierung“ bestimmt eben auch nachhaltig das Denken und die gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema der digitalen Gesellschaft. Viel zu oft schwingt in diesen Debatten immer noch das Credo „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ mit. Dabei sollte es am Wendepunkt zur digitalen Gesellschaft – und wir stehen genau an diesem sicherlich nachhaltigsten und neuartigsten Wendepunkt der jüngeren Wirtschaftsgeschichte – doch vielleicht eher heißen „Vertrauen ist besser, Kontrolle kommt später“. Oder wie sehen Sie das, Jörg Dräger?

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